Eigentlich war Tübingen nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Hause. Aber ich habe mich spontan dazu entschieden, zwei Nächte auf dem Neckarcamping Tübingen zu verbringen und mir die Stadt anzuschauen. Vor vielen Jahren habe ich sie bereits einmal besucht und sie ist mir in guter Erinnerung geblieben.

Der Campingplatz ist nur wenige Minuten mit dem Rad von der Altstadt entfernt. Und auch zu Fuss ist die Distanz in 20 Minuten zu schaffen. Immer entlang des Neckars.

Das Rathaus.

Also los. Zwei Stunden, ohne feste Route. Der Himmel spielte mit – kühl zwar, aber sonnig mit wechselnden Wolken. Die Altstadt ist kompakt und dicht. Jede Gasse führt irgendwo hin, jeder Platz hat seine eigene Geschichte. Am Holzmarkt das alte Rathaus mit seiner reich verzierten Fassade.

Die Stiftskirche St. Georg.

Dann die Stiftskirche. Ein mächtiger Bau, der den Platz um sich herum in seine Schranken weist. Wer hier studiert hat, stand in guter Gesellschaft: Friedrich Hölderlin lernte im Evangelischen Stift gleich daneben, zusammen mit Hegel und Schelling. Drei Köpfe unter einem Dach, die die deutsche Philosophie und Literatur für die nächsten zwei Jahrhunderte prägen würden.

Hölderlin kehrte später unfreiwillig zurück – eingewiesen, als unheilbar erklärt, dann vom Schreinermeister Ernst Zimmer aufgenommen, der ihn schlicht bewunderte. Die Ärzte des Klinikums gaben ihm noch 3 Monate. Im Turm direkt am Neckar verbrachte Hölderlin jedoch noch weitere 36 kreative Jahre, bis zu seinem Tod 1843. Der Hölderlinturm – gelb, rund, mit Spitzdach – ist heute das Wahrzeichen der Stadt.

Ganz Links, das gelbe Gebäude, ist der Hölderlin-Turm.

Gegenüber der Stiftskirche, an der Münzgasse, fiel mir ein kleines Schild auf. Kein offizielles Denkmal, keine gravierte Bronzetafel. Einfach ein Schild: «Hier kotzte Goethe». Man liest es, liest es nochmals, und muss dann doch kurz lachen.

…Gut zu wissen…

Der Hintergrund: Im Nachbarhaus residierte der Verlag von Johann Friedrich Cotta. Goethe war einer seiner Starautoren und besuchte seinen Verleger im September 1797 für einige Tage in Tübingen. Ob dabei wirklich etwas Kulinarisches schiefgelaufen ist, bleibt offen. Das Schild ist ein Studentenstreich aus den Achtzigerjahren – eine Parodie auf die Tendenz, jeden noch so kleinen Aufenthalt einer Berühmtheit mit einer Gedenktafel zu verewigen. Inzwischen ist es selbst Kult.

Die Allee auf der Neckarinsel mit ihren 200 Jahre alten Bäumen, lädt zum spazieren ein.

Zum Abschluss des Vormittags dann noch hinunter ans Wasser – auf die Platanenallee, die mitten im Neckar liegt. Eine schmale Insel, gesäumt von alten Platanen, deren Äste sich über den Weg wölben. Die Bäume stehen hier seit rund 200 Jahren. Von dort aus sieht die Altstadt noch einmal ganz anders aus: die Häuser übereinander gestapelt, der Turm der Stiftskirche darüber, alles spiegelt sich im Wasser. Ein Bild, das man so schnell nicht wieder loswird.

Auf dem Neckar selbst fahren die Stocherkähne – flache Holzboote, die mit langen Stangen durchs Wasser gestossen werden, eine Tübinger Tradition seit Jahrhunderten. Ich beobachtete sie vom Ufer aus. Gemächlich, fast lautlos. Ein merkwürdiger Kontrast zur Betriebsamkeit der Altstadt nur wenige Meter weiter oben.

Tübingen ist eine Stadt, die man am besten zu Fuss erkundet. Und indem man einfach irgendwo abbiegt und schaut, wohin die Gasse führt.

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1 Comment

  • Susanne
    Posted 13. Mai 2026

    Just lovely! Like it@

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