Die regelmässigen Leser meines Reiseblog kennen die Faszination, welche Lost Places auf uns ausüben. Oft sind diese versteckt und einsam gelegen. Heute berichte ich aber über einen Lost Place, welcher dominant als Mahnmal mitten in der Stadt O Grove in Galicien gelegen ist.

Bereits auf unserer ersten Fahrt vom Campingplatz, wo wir bald 5 Wochen stehen, zur Schule, wo wir in dieser Zeit unsere Spanischkenntnisse erweitern, fiel uns die verfallene Villa an der Hauptstrasse auf. Meine Recherchen die letzten Wochen haben dann ergeben, dass es sich dabei um einen Zankapfel zwischen der Familie Escuredo und der Stadt O Grove handelt. Und dies ist die Geschichte dazu.

Die Casa Torre de Escuredo in O Grove ist ein markantes und historisch bedeutendes Gebäude im Zentrum der galicischen Stadt O Grove in der Provinz Pontevedra. Sie wurde 1922 im modernistischen Stil errichtet, obwohl der Ursprung des Anwesens auf eine ältere Bauphase zurückgeht, in der an dieser Stelle schon im 18. Jahrhundert ein bedeutendes Wohnhaus stand.

Auf Google Maps ist klar erkennbar, wie gross das ursprüngliche Anwesen war.

Geschichte und Architektur
Das Anwesen wurde massgeblich von der Familie Mestre geprägt, insbesondere vom Dichter und Journalisten Luis Antonio Mestre, der dort lebte und das Haus Anfang des 20. Jahrhunderts renovierte. Auf dem Grundstück stand früher (um 1700) ein Pazo (Landhaus).
Mitte des 19. Jahrhunderts erwarb Luis Mestre Roig (ein Rückkehrer aus Kuba, mit guten Verbindungen zum nahegelegenen Kurort La Toxa) das Anwesen und liess es umbauen bzw. neu errichten.

Der Umbau bzw. Ausbau soll etwa zwischen 1870 und 1891 erfolgt sein, mit einigen modernen Innenausstattungen, etwa Salons im arabischen und japanischen Stil, entworfen von dem Madrider Architekten Arturo Mélida und mit dekorativen Elementen von Alinari.

Der arabische Salon.

Die damalige Struktur wies eine „L“-förmige Grundfläche auf, verfügte über zwei Stockwerke mit einer Dachgaube („bufarda“) und war von einem hohen Steinmauerring und Gärten umgeben. Charakteristisch waren die modernistischen Details an der Fassade, ihre quadratische Glaskuppel und mehrere Balkone. Die Torre de Escuredo galt in O Grove als Symbol einer vergangenen Epoche und als eines der prägnantesten Bauwerke des Ortes. Sie war Treffpunkt von Intellektuellen und soll sogar im Stadtwappen von O Grove – nämlich die Zypressen des Gartens – abgebildet sein.

Nach dem Tod von Luis Mestre teilten seine Nachkommen das Anwesen. Ein Teil kam zu der Familie Escuredo, ein anderer zu der Familie Lores. Die Escuredos haben, soweit möglich, die Originalstruktur weitgehend erhalten. Die Familie Escuredo in O Grove war über viele Jahrzehnte eine prägende Kraft in der galicischen Fischkonservenindustrie der Ría de Arousa, insbesondere im 20. Jahrhundert. Der Unternehmer Eugenio Escuredo Lastra gilt als Gründerfigur der Familienfirma, die sich auf die Verarbeitung und Konservierung von Fisch- und Meeresfrüchten spezialisierte. Im lokalen Umfeld war die Fabrik als bedeutender Arbeitgeber und Produzent von Sardinenkonserven und Muscheln bekannt.

Nach dem Tod von Eugenio Escuredo führte seine Tochter Margarita Escuredo die Firma weiter; sie war verantwortlich für die Modernisierung und Organisation des Betriebes in herausfordernden Nachkriegsjahren.

Margarita Escuredo (Quelle: Diario de Pontevedra)

Margarita Escuredo wurde am 7. Januar 1923 geboren und feierte im Januar 2023 ihren 100. Geburtstag. Sie führte nach dem Tod ihres Mannes engagiert die Familienfabrik und gilt als eine zentrale Figur der lokalen Wirtschaft und Familiengeschichte. Margarita ist bekannt für ihre Vitalität und Unabhängigkeit: Mit über hundert Jahren lebt sie – laut Presseberichten aus 2023 – immer noch eigenständig, kocht selbst und pflegt engen Kontakt zu ihrer weitverzweigten Familie. Ihr soziales, kulturelles und unternehmerisches Wirken wird in lokalen Zeitungen und in der regionalen Öffentlichkeit anerkannt und gewürdigt.

Warum ist nun aber die einst so stolze Villa eine Lost Place? Der Verfall war Folge eines umstrittenen Neubaus eines Nachbargebäudes Anfang der 1990er-Jahre, der zu erheblichen Bauschäden an der Torre de Escuredo führte. Die hohe, weisse Brandmauer direkt an der aktuellen Grundstückgrenze der Torre de Escuredo ist nicht zu übersehen. Die Familie wirft dem Stadtrat von O Grove vor, dass durch den Bau des benachbarten Mehrgeschossbaus (mit grösserer Höhe als erlaubt) strukturelle Schäden an ihrer Villa entstanden seien, welche ein Bewohnen verunmöglichten.

Das Anwesen befindet sich weiterhin im Privatbesitz der Familie Escuredo, die sich seit Jahrzehnten gegen den Verfall und für eine Rettung oder Entschädigung einsetzt. Die Familie hat sich mehrfach erfolglos an die örtliche Verwaltung und die Justiz gewandt, um das Haus zu verkaufen, eine Enteignung zu erreichen oder einen rechtlichen Ausgleich zu erhalten. Letzte Verhandlungsversuche scheiterten vor wenigen Jahren; ein sinnvoller Erhalt und Sanierungsplan existiert derzeit nicht und das Gebäude bleibt im Privateigentum – in unbewohnbarem Zustand.

Im Kontext der Torre de Escuredo ist Margarita Escuredo die Hauptperson, die sich in den letzten Jahrzehnten gemeinsam mit ihren Kindern aktiv für den Erhalt, die rechtliche Klärung und die Zukunft des Anwesens engagiert hat. Sie besitzt – neben weiteren Familienmitgliedern – einen bedeutenden Anteil am Anwesen und wird in Presseartikeln sowohl als engagierte Mutter als auch als beharrliche Streiterin für den Schutz des Familienbesitzes beschrieben.

Der aktuelle Zustand der Torre de Escuredo in O Grove ist ruinös und verwahrlost, das Gebäude ist seit Jahren unbewohnbar und stand 2021 kurzzeitig unter Denkmalschutz, verlor diesen aber wieder aufgrund des fortschreitenden Verfalls, wegen Vernachlässigung und Bauschäden. Die rechtlichen Auseinandersetzungen und der Verwaltungsstreit dauern bis heute an.

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