Wenn man durch die kleinen Ortschaften rund um O Grove spaziert, fällt einem sofort etwas Besonderes ins Auge: In fast jedem Garten steht ein länglicher Bau auf Stelzen, mal aus Stein, mal aus Holz, oft gekrönt von einem Kreuz oder einer Pyramide. Sie wirken wie kleine Schreine oder Kapellen – stille Denkmäler, die irgendwo zwischen Mystik und Volksglauben ihren Platz gefunden haben.

Das ist auf den ersten Blick befremdlich – wieso sollen im Garten, neben dem Gemüsebeet und dem Sitzplatz die Toten aufgebahrt werden? Und so habe ich dazu recherchiert und folgendes herausgefunden. Diese Bauten sind Hórreos, traditionelle Vorratsspeicher, die in Galicien allgegenwärtig sind.

Alltag statt Andacht
Über Jahrhunderte dienten die Hórreos dazu, Mais, Getreide und andere Vorräte trocken und sicher aufzubewahren. Ihre Bauweise ist so einfach wie genial: Auf Stelzen errichtet, mit schmalen Schlitzen in den Seitenwänden, konnte der Wind die Ernte durchlüften, während Feuchtigkeit draussen blieb. Flache Steinplatten zwischen Stelzen und Boden hielten zudem Ratten und Mäuse fern – eine Art mittelalterliche Hightech-Lösung gegen Schädlinge. Wir kennen das in der Schweiz von den Kornstadeln im Oberwallis.

Zwischen Kulturgut und Gartenidylle
Auch wenn heute kaum noch jemand hier sein Korn lagert, haben die Hórreos nichts von ihrer Bedeutung und Schönheit verloren. Manche wirken wie frisch restauriert, mit sauber gefugten Steinen und glatten Dachziegeln. Andere lehnen sich schief gegen den Himmel, vom Moos überwuchert, und erzählen Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Gemeinsam prägen sie das typische Bild der galicischen Dörfer.

Symbole auf dem Dach
Besonders ins Auge fallen die Kreuze oder kleinen Obelisken auf den Dächern. Sie verleihen den Hórreos ihre fast sakrale Wirkung. Oft waren es Schutzzeichen gegen Unglück und Schädlinge – heute erscheinen sie wie kleine Details, die das Ganze noch geheimnisvoller machen.

Nicht alle Hórreos haben die letzten Jahre unbeschadet überstanden

Unser Eindruck in O Grove
Uns faszinierte, dass hier rund um O Grove wirklich fast jeder Garten einen solchen Speicher besitzt. Beim Vorbeigehen hatten wir mehr als einmal das Gefühl, an einem versteckten Heiligtum vorbeizukommen. Doch genau darin liegt für uns der Reiz: Die Hórreos sind ein sichtbares Stück Alltagsgeschichte, das die Menschen hier liebevoll bewahren.

Manche Hórreos sind kaum grösser als ein moderner Briefkasten

Wer also durch Galicien reist, sollte unbedingt die Augen offenhalten. Denn manchmal sind es gerade die unscheinbaren Dinge am Wegesrand, die einem die Geheimnisse einer Region offenbaren.

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