Eine Reise ins Unbekannte beinhaltet auch immer, dass man die eigenen Komfortzone verlässt. Denn wenn es ja überall wie zu Hause wäre, könnte man gleich dableiben. Dasjenige Land auf unserer Route, welches vermutlich am weitesten ausserhalb unserer gewohnten Umgebung lag, war Albanien.
Wir haben uns natürlich wie immer vorbereitet. YouTube und Reiseblogs helfen in dieser Situation. Aber die Bandbreite an Empfindungen und Feedback war derart gross, dass wir eigentlich unvorbereitet die Grenze von Montenegro nach Albanien überquerten.
Die Anreise und der Grenzübertritt
Wir kamen von Montenegro und fuhren entlang dem Skutarisee (auch Shkodrasee oder Skadarsee) in Richtung der Grenze. Da fing es schon an, das Magengrummeln. Lange soll es dauern und schwierig sei es. Camper sollen mit Vorliebe durchsucht und deren ausländischen FahrerInnen schikaniert werden. Schon 5 Kilometer vor dem Grenzübertritt hatten wir unsere Pässe, die Fahrzeugpapiere, die internationalen Führerscheine und die grüne Versicherungskarte bereit. Und da war sie – die Grenze mit vielen Schildern, welche wir nicht lesen konnten oder ganz einfach nicht verstanden. Bei der Einreise nach Bosnien-Herzegowina mussten wir die Papiere an vier unterschiedlichen Schaltern vorweisen.
Hier schien es allerdings nur einen Schalter zum Vorfahren zu geben. Und dort sass ein freundlich dreinschauender junger Mann. Er verglich die Pässe mit den Besitzereintragungen in den Fahrzeugpapieren. Dann fragte er nach unseren Vornamen und bei meiner Frau machte ich aus Nervosität den «dummen» Spruch, dass sie der Boss sei. Das irritierte ihn aber in keiner Weise, sondern er bestätigte mir, dass dies in Albanien genau so sei 😉 Danach wollte er noch unser Reiseziel – also die Türkei – wissen und mit einem «Have a nice trip» überreicht er uns die Papiere zurück und entliess uns nach Albanien. So einfach und so unkompliziert. 1:0 für Albanien im Kampf gegen unsere Vorurteile.
Die Geschichte der letzten 50 Jahre
Albanien ist für viele noch ein unbekannter Fleck auf Europas Landkarte – dabei hat das Land eine richtig spannende Geschichte! Bis in die frühen 1990er-Jahre hinein war Albanien eines der isoliertesten Länder der Welt. Grund dafür war der kommunistische Diktator Enver Hoxha, der das Land jahrzehntelang mit eiserner Hand regierte. Unter Hoxha war Albanien streng abgeschottet: Religionen wurden verboten, private Autos oder Grundbesitz ebenso, und wer einen Ausreiseversuch wagte, riskierte sein Leben. Noch heute zeugen Abertausende von Bunkern in Gärten, Feldern und Parkanlagen von der Paranoia Enver Hoxha.
Nach Hoxhas Tod 1985 begann langsam ein Wandel, aber erst Anfang der 90er öffnete sich Albanien vorsichtig gegenüber dem Westen. Doch Freiheit brachte zunächst Chaos: 1997 brachen Pyramidensysteme zusammen, in die viele Albaner ihre Ersparnisse investiert hatten. Das führte zu heftigen Unruhen, einem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung und sogar zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. In den 2000er-Jahren stabilisierte sich das Land allmählich wieder und bemühte sich um Annäherung an Europa. 2009 trat Albanien der NATO bei, was ein wichtiger Schritt Richtung Westen war. Seit 2014 ist das Land offizieller Beitrittskandidat der Europäischen Union.
Bildergalerie Kruja
Ist Albanien zugemüllt?
Ein weiteres dieser Vorurteile, welche immer wieder diskutiert werden, ist das Abfallproblem in Albanien. Alles soll voller Müll sein und als ausländischer Camper könne man deswegen das Land nicht geniessen. Aber die Realität ist vielschichtiger. Die Vorgärten, Felder und Parkanlagen sind ausserordentlich sauber und aufgeräumt. In Tirana, der Hauptstadt von Albanien, sieht es in Sachen Abfall wie in Zürich aus. Alles gewischt und aufgeräumt.
Aber Albanien hat ein Problem mit der Abfallwirtschaft. Bäche, Flüsse und grundsätzlich alle Wasserflächen scheinen die Hemmungen zu lösen. Vielerorts sind diese Orte einfach gnadenlos zugemüllt. Plastikverpackungen sind ein grosser Teil der Verschmutzung. Und auch alte Haushaltsmaschinen werden mit Vorliebe an Bachläufen entsorgt. Die Europäische Umweltagentur (EUA) hat in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission gerade ihren neuesten Bericht veröffentlicht, der 22’081 Wassergebiete in allen EU-Mitgliedstaaten sowie Albanien und der Schweiz abdeckt. Die Rangfolge der Länder basiert auf der Sauberkeit ihrer Badegewässer. In dem Bericht liegt Albanien bei den Küstengewässern und den Binnengewässern an letzter Stelle der 23 Länder.
Wir haben in Tirana mit Elisabeth, einer einheimischen Medizinstudentin über dieses Thema gesprochen. Und Sie hat uns bestätigt, dass es letztlich wie überall ein Bildungs- und Generationenproblem sei. Die ältere Generation, darunter auch ihr eigener Vater, habe kein Problem damit, während der Autofahrt den Müll aus dem Fahrzeug zu schmeissen. Und die Intervention ihrerseits irritiere ihn nur, da er sich keines Fehlers bewusst sei. Die Generation von Elisabeth hingegen mache sich für Umweltschutz stark und versuche nachhaltig zu leben.
Im eigenen Umfeld also top, aber in der Natur noch Nachholbedarf. Somit je einen Punkt und 2:1 für Albanien im Kampf gegen unsere Vorurteile.
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Touristen werden abgezockt
Ausländische Besucher sollen systematisch mit hohen Preisen abgezockt werden. Mal sehen, wie das bei uns so war. Die erste Nacht standen wir Agritourismushof «Mrizi i Zanave» – ja, auch das gibt es in Albanien. Dieser Erlebnishof mit Bar, Restaurant, Hotel, Streichelzoo und Hofladen mit lokalen Produkten bietet auch einen Stellplatz an. Und wer im Hofladen einkauft oder im Restaurant konsumiert, steht kostenlos auf einem der acht Stellplätze. Mitten im Anbaugebiet, mit kostenlosem Strom, Duschen und Toiletten.

Jetzt könnte man argumentieren, in diesem Restaurant sind die Preise so hoch, dass der Stellplatz bereits eingerechnet ist. Nun – wir haben ausgezeichnet gespiesen. Eine Menükarte gibt es nicht, man erhält eine Auswahl von lokalen Produkten auf den Tisch, solange bis man gesättigt abwinkt. Das war bei uns eine Vielzahl von Gemüsen, Käsen und Fleisch. Verschiedene Brote sowie einen halben Liter lokalen Weisswein und Wasser. Zum Abschluss türkischen Kaffee, eine Früchteauswahl und Baklava mit Parfait. Bezahlt haben wir dafür knapp € 25.
In der Hauptstadt Tirana standen wir für zwei Nächte auf dem Camping Dajti, da wir im Umkreis der Grossstadt nicht frei stehen wollten. Mira und ihre Familie sind super freundlich und heissen alle herzlich willkommen. Inmitten von Hühnern, Katzen und einer Kuh steht man auf einem Plateau über der Stadt. Die Anfahrt ist etwas abenteuerlich. Aber in der Ruhe liegt die Kraft – und mit Fahrzeugen unter 7.5 Metern lässt es sich gut angehen. Es soll auch schon mal ein ausgebauter 12-Meter-Bus den Aufstieg geschafft haben. Das glaube ich aber erst, wenn ich es selbst sehe…

Gekostet hat uns dieser Aufenthalt € 5 pro Person/Nacht und der persönliche Shuttledienst in die Stadt und zurück (30 Minuten Autofahrt) für zwei Personen schlug mit € 18 zu Buche. Dafür gibt es Strom, Duschen, Toiletten und eine Waschmaschine zur freien Verfügung. Und wenn die Früchte an den vielen Obstbäumen reif sind, dürfen sich die Gäste bedienen.
Zugegeben – wir standen nicht an der Küste in der Hochsaison. Vielleicht ist es dort dann anders. Wir können dieses Vorurteil aber in keinster Weise bestätigten. Darum 3:1 für Albanien im Kampf gegen unsere Vorurteile.
Der Verkehr ist eine Zumutung
Ja, die Strassenqualität in Albanien ist ein Thema. Nicht immer stimmt das Verhältnis zwischen asphaltierter Fläche und Löchern. Einmal mussten wir sogar mit unserem 4×4-bimobil umkehren, weil der zu erwartende Schaden am Fahrzeug nicht im Verhältnis mit dem angefahrenen Aussichtspunkt war. Aber es gibt auch Schnellstrassen, die durchaus mit den unsrigen vergleichbar sind. Gewöhnungsbedürftig ist der Umstand, das die Navigation oft von Abzweigungen, Kreisverkehr und Strassen ausgeht, welche wohl erst für die nächsten Jahre geplant sind. Auf den Autobahnen kommen einem auch gerne mal Radfahrer und Fussgänger entgegen. Radfahrer übrigens immer auf der Gegenspur. Wir vermuten, damit wollen sie verhindern, dass sie von hinten angefahren werden. Das ist speziell, ergibt aber eigentlich Sinn.
Wir sind kurz vor dem Freitagsgebet mitten durch die Hauptstadt Tirana gefahren. Egal ob Stadtautobahn, Einkaufsboulevard oder Quartierstrasse – rechts kann jederzeit angehalten, parkiert und diskutiert werden. Das wissen und akzeptieren alle. Selbst die städtischen Bus- und Taxifahrer. Entsprechend oft muss man als langsames (Ausländer-)fahrzeug von der rechten auf die linke Spur ausweichen. Das wird von den heranbrausenden Fahrzeugen aber realisiert und in den Ablauf mit einbezogen. Kaum jemand hupt. Und wenn, dann lediglich um Zustimmung oder Aufmerksamkeit zu bezeugen. Schweizer sind in Albanien hoch im Kurs. Das liegt vielleicht an den vielen albanischstämmigen Fussballern in der Nationalmannschaft. Wir konnten im Strassenverkehr aber davon profitieren. Unser Unicorn (mit der Schweizerflagge) wird überall gegrüsst und man erhält den Vortritt. Überhaupt schauen alle aufeinander und auch wenn mal rasch 6 Spuren auf 1 reduziert werden, ist kaum jemand nervös oder aufgebracht. Die Höchstgeschwindigkeiten werden überall penibel eingehalten – dies auch Dank der Präsenz der Polizei.
Wenn ich wählen könnte, wo ich mich nochmals durch den Feierabendverkehr quäle – Paris, Palermo oder Tirana – dann hätte Albanien die Nase vorn. Also erneut ein Punkt für Albanien: 4:1 für Albanien im Kampf gegen unsere Vorurteile.
Bildergalerie Berat
Gallery not found.Und sonst so?
Was gibt es sonst noch zu erwähnen? Die Leute sind extrem gastfreundlich. Mit Händen und Füssen wird diskutiert. Viele Junge sprechen Englisch oder Deutsch. Man ist überall willkommen und man wird nach dem Ziel und den Gründen für den Albanien-Aufenthalt gefragt. Die Natur ist grandios. Die heutige Nacht stehen wir auf dem Llogara Pass, kurz vor der Grenze zu Griechenland. Den Sonnenuntergang haben wir mit Blick auf die Insel Korfu genossen.

Wenn wir Glück haben, wird das eine ruhige Nacht und ein toller Sonnenaufgang über den Ionischen Inseln. Wenn nicht, dann fahren wir halt weiter. So oder so – wenn wir morgen Albanien in Richtung Griechenland verlassen, dann im Bewusstsein, dass wir sicher irgendwann zurückkehren werden. Bis dahin können wir allen Reiselustigen dieses Land wärmstens empfehlen. Kommt unbelastet von Vorurteilen und lasst Euch verzaubern.

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