Ende März dieses Jahres besuchte ich mit Freunden Southampton (UK) und fuhr/flog in diesem Zusammenhang mit einem Hovercraft von Southsea nach Ryde auf der Isle of Wight. Dies ist die letzte Hovercraft-Verbindung in Europa, welche regelmässig verkehrt.

Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich diesen Fahrzeugtyp nur aus Filmen wie James Bond oder Matrix. Und obwohl die Art der Beförderung bezüglich Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit deutlich aus der Zeit gefallen ist, konnte ich mich einer gewissen Faszination nicht entziehen. Diese technischen Dinosaurier gehören in das Zeitalter der Concorde und des ungezügelten Wettlaufs um Anerkennung.

Start des Hovercraft in Southsea.

Gestern sind wir nun auf einer Radtour von unserem Campingplatz in Ambleteuse nach Boulogne-sur-Mer gefahren. Zum einstigen Terminal der Hovercraft-Verbindung nach Dover.

Zwischen 1968 und 1991 wurden auf dem Hoverport in Boulogne mehr als 30 Millionen Passagiere abgefertigt, d. h. im Durchschnitt mehr als 1,3 Millionen pro Jahr. Über 40 Jahre lang waren „Princess Anne“ und „Princess Margaret“ die unbestrittenen Herrscherinnen des Ärmelkanals: 56 Meter lang, 320 Tonnen schwer, mit Platz für rund 400 Passagiere und 55 Autos schwebten sie mit 130 Stundenkilometern von Frankreich nach England. Die beiden Hovercraft-Boote waren der Stolz der britischen Reederei Hoverspeed.

Mit einer Flotte von ursprünglich sechs Hovercrafts bot Hoverspeed zwischen Dover und Boulogne-sur-Mer die schnellste Fährverbindung zwischen England und dem europäischen Festland an. Mit einer Fahrzeit von etwa 30 Minuten und einer Ent- und Beladedauer von weniger als 15 Minuten waren die Hovercrafts den konventionellen Fähren deutlich überlegen.

Der Hoverport 1975 (Quelle: jameshovercraft.co.uk)

Die Technik des Hovercraft basiert auf dem Bodeneffekt: Ein Ventilator am Heck beschleunigt die Maschinen, unter ihnen baut sich ein Luftkissen auf, dann beginnen die Boote zu schweben. Erfunden wurden die Amphibienfahrzeuge Ende der Fünfzigerjahre von einem britischen Tüftler namens Christopher Cockerell, der mit Föhn und Blechdosen experimentierte und so irgendwann ein Luftkissen erzeugte, das einen schweren Körper über Boden und Wasser halten kann.

Landung und Verladung im Terminal Boulogne-sur-Mer (1978).

Die grosse Zeit der Hovercraft-Boote war dann in den Sechzigerjahren. Damals wollten die Briten in der Luft und auf See um jeden Preis schneller sein als die Amerikaner und die Russen – und dafür war ihnen nichts zu teuer. In der Luft entwickelten sie mit den Franzosen die Concorde, auf dem Wasser blieben sie dank der Hovercraft-Boote die Alleinherrscher. Die Fahrt von Calais nach Dover im Hovercraft dauerte mit den Luftkissenbooten gerade einmal 35 Minuten, bei rauem Seegang allerdings kamen sich die Passagiere vor wie in einer klapprigen Waschmaschine. Der Erfolg lässt Cockerell von atomgetriebenen 10.000-Tonnen-Versionen träumen, die bis zu 2.000 Menschen über die Weltmeere transportieren sollen.

Unmittelbar am Abfertigungsgebäude nahm die SNCF 1970 zur besseren Anbindung der Eisenbahn den Bahnhof Boulogne-Aéroglisseurs in Betrieb. Er ermöglichte die Verbindung zwischen Paris-Nord und London-Victoria, indem man zunächst nach Boulogne fuhr, dann mit dem Hovercraft zum Hafen von Dover und schliesslich mit einem anderen Zug nach London.

Der Bahnhof Boulogne-Aéroglisseurs direkt beim Terminal (1972).

Doch Concorde und Hovercraft blieben immer Exoten: Laut und mit enorm hohem Energieverbrauch behaftet, konnten weder der Jet noch das Amphibienfahrzeug sich als Massenverkehrsmittel durchsetzen.

Heute erinnert nicht mehr viel an den ehemaligen Prestige-Bahnhof.

Schliessung des Hoverport Boulogne-sur-Mer

Da Hovercrafts sehr umweltschädlich (das Hovercraft Jean-Bertin verbrauchte 5000 Liter Kerosin pro Stunde) und sehr anfällig für technische und klimatische Unwägbarkeiten sind, wurde der Hoverport in Boulogne 1991 geschlossen. Als Grund wird oft die Eröffnung des Kanaltunnels und die Konkurrenz durch Schiffe vom Typ Katamaran genannt, aber es gibt auch andere Gründe: die Abschaffung der Steuerbefreiung für Kerosin durch ein europäisches Gesetz, die Einstellung der Duty-Free-Shops, die hohen Anschaffungs- und Wartungskosten für die Motorisierung und den Antrieb nach Art der Luftfahrt. Auch Triebwerksteile wurden knapp, da während der 30-jährigen Betriebszeit keine Modernisierungsprojekte für die Hovercraft durchgeführt worden waren.

Die Princess Anne im Museum von Lee-on-Solent (Quelle: Museum).

Von der ursprünglichen Hovercraft-Flotte entging nur die SRN4 Mk III The Princess Anne der Verschrottung (Sie ist heute Ausstellungsstück im Hovercraftmuseum Lee-on-Solent).

Der Zugang zum Meer ist von einer Wanderdüne zugeweht worden.

Der Abriss der Gebäude war für Ende 2015 geplant. Olivier Barbarin, der Bürgermeister von Le Portel, wollte dort die neue maritime Berufsschule des Ballungsraums Boulogne ansiedeln. Der Hoverport steht heute immer noch. Die Ansiedlung des Lycée maritime an diesem Standort ist nicht mehr aktuell. Eine Neugestaltung des Gebiets wurde für das Jahr 2019 angekündigt.

Von den 6 Terminalplätzen zur Landung ist bald nichts mehr zu sehen.

Das einzige, was sich in den letzten Jahren geändert hat, ist die Wanderdüne vor dem Terminal. Der Zugang zum Meer ist bereits geschlossen und von den 6 riesigen Landungsflächen für die Hovercrafts sieht man auch bald nichts mehr. Die Natur holt sich zuverlässig alles wieder zurück.

So endet die Ära der Hovercraft und nur noch die kurze Verbindung von Southsea nach Ryde lässt die Herzen der Nostalgiker höher schlagen. Auch wenn dieses Erlebnis aus wirtschaftlichen Gründen kaum mehr lange angeboten wird.

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2 Comments

  • Andreas Lage
    Posted 7. Mai 2023

    Danke für diesen interessanten Bericht.
    Liebe Grüße

  • Vojko
    Posted 9. Mai 2023

    Interessante Story. Merci.

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